Ministerin Gebauer: Zirkusprojekte sind möglich! – aber besser doch nicht?

Wir haben uns gefreut – zu früh!

In Ihrem Schreiben vom 7.7.2020 hat uns Bildungsministerin Gebauer aus NRW geschrieben, dass die „Durchführung von Zirkusprojekten an Schulen (…) wieder möglich (ist)“ und als Teil einer „künstlerisch kreativen Beschäftigung (…) einen wichtigen Betrag zur Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation leisten (kann)“. Ein tolles statement, dass uns nach 5 Monaten der Zwangspause etwas Hoffnung gemacht hat.

Zirkusprojekte in Schulen – wie denn?

Dann kamen die “Handreichungen für eine angepasste Wiederaufnahme des Schulunterrichts” vom 3.8.2020. 9 Tage bevor es eine neue Coronaschutzverordnung der Landesregierung gab. Diese Handreichungen haben es in sich. Sie machen Zirkusprojekte in den Schulen in NRW unmöglich. Sie verpflichtet die Kinder auf dem Schulgelände und im Gebäude einen Mund Nase Schutz zu tragen. Dieser darf nur auf dem Sitzplatz und wenn dieser 1,5m vom Nachbarsitz entfernt ist, abgenommen werden.  Im Sportunterricht gilt Maskenpflicht auf den Wegen. Die Turnhalle darf nur von 30 Kindern gleichzeitig genutzt werden (egal wie groß sie ist). Auf angemessene Reinigung ist zu achten. Das führt hier in Köln z.B. dazu, dass Turnhallen nur noch von einer Gruppe am Tag genutzt werden. Man will ja nichts falsch machen.

Für die Abstandsregel im Einsatz – unsere Corona Clowns

In der Turnhalle soll Schulsport aber bis zu den Herbstferien sowieso nur in Ausnahmefällen und in Absprache mit dem Schulträger stattfinden – Sport findet vorzugsweise im Freien statt. Der Mund Nase Schutz kann abgenommen werden, wenn ein Mindestabstand eingehalten wird. Auf den Wegen (z.B. zur Umkleide) muss der Mund Nase Schutz getragen und Abstand eingehalten werden. Bei den Unterrichtinhalten sollen man sich “auf die Vermittlung technisch-koordinativer Fertigkeiten und taktisch-kognitiver Fertigkeiten und weniger auf deren Anwendung in Wettkampfsituationen” konzentrieren. 

Ausnahmen sind möglich

“Sofern jedoch das Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung mit den pädagogischen Erfordernissen und Zielsetzungen der Unterrichtserteilung und der sonstigen schulischen Arbeit nicht vereinbar ist, kann die Schule vom Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung zumindest zeitweise oder für bestimmte Unterrichtseinheiten bzw. in Prüfungssituation absehen. In diesen Fällen ist jedoch die Einhaltung der Abstandsregel mit 1,5 Meter zu beachten.” Abgesehen davon, dass dann eine sichere Hilfestellung in vielen artistischen Bereichen unmöglich ist, muß selbst diese Ausnahmen jemand verantworten – im Zweifelsfall die Schulleitung. Als hätte die in den vergangenen Monaten nicht schon genug zu tun gehabt. Wer hat da noch Lust auf ein Zirkusprojekt?

Bei Bedarf spenden die Corona Clowns auch Handdesinfektion


Unrealistische Regelung

Die “Handreichungen” gehen in weiten Teilen über die Coronaschutzverordnung, deren Anlagen und die Betreuungsverordnung hinaus. Das ist realitätsfern. Lehrer, Eltern und Schüler leben ja nicht auf einer Insel. Sie haben ein Privatleben außerhalb der Schule in dem sie zahlreiche Orte und Einrichtungen besuchen, in dem die Schutzmaßnahmen anders geregelt sind. Schon der Offene Ganztag spielt nach anderen Regeln. Hier sind Angebote mit außerschulischen Partnern gewünscht, die dann nachverfolgbare Bezugsgruppen in Ihren altersgemischten Angeboten bilden – was im Schulbetrieb nicht möglich ist. Das RKI hat gerade eine sehr aufschlussreiche Einschätzung des Infektionsgeschehens an Schulen in Köln veröffentlich, die Hinweise auf einen realitätsnahen Umgang geben kann.

Bezugsgruppen und Nachverfolgbarkeit

Diese beiden wichtigen Bausteine, die Zirkusprojekte als Ferienmaßnahmen möglich gemacht haben haben, spielen in der Schule nur noch eine untergeordnete Rolle. Das Landesjugendamt teilt in seinen FAQ seit dem 19.8.2020 das Jahr jetzt in Schul- und Ferienzeit ein. In den Ferien gilt Punkt X der Anlagen zur Coronaschutzverordnung, in der Schulzeit macht das Bildungsministerium die Regeln. Sieht so eine umfassende, einheitliche Strategie gegen Corona aus?

Infotafeln und Desinfektionsgelegenheit am Eingang – eine Selbstverständlichkeit

Rahmenkonzept für Zirkusprojekte

In den letzten Wochen durften wir im Rahmen verschiedener Ferienfreizeiten wieder mit über 700 Kindern zusammen arbeiten. Auf Grundlage der Anlagen zur Coronaschutzverordnung haben wir gemeinsam mit den zuständigen Institutionen ein umfassendes und von verschiedenen Behörden in zwei Bundesländern mehrfach für tragfähig befundenes Hygiene- und Infektionsschutzkonzept entwickelt. Da “Zirkusprojekte” wie so oft, nirgendwo definiert sind und wir sicher gehen wollten, ist dieses Konzept an vielen Stellen strenger als gefordert. Dafür mussten wir uns Bestimmungen aus anderen Bereichen (VII Fitnessstudios, XIII vorübergehende Freizeitparks) “ausleihen”.

Wir haben praktische Erfahrungen bei der Umsetzung gesammelt. Insgesamt waren wir 9 Wochen in Eynatten, Dorsten, Ingelheim, Monheim und Neustadt an der Weinstraße unterwegs. Wir haben dabei Vorstellungen mit und ohne Zuschauer gespielt. Sogar zwei Vorstellungen des “Zirkus im Koffer” waren möglich. Egal wo wir waren, egal wie unterschiedlich das Ferienkonzept war: “Handhygiene”, “Abstand” oder “Mund Nase Schutz”, “besondere Nachverfolgbarkeit” waren wichtige Bausteine. Feste “Bezugsgruppen” erlaubten das Miteinander in der Gruppe ohne Abstand. Wir konnten mit einer FFP2 Maske mehrere, feste, nachvollziehbare Gruppen coachen und die notwendigen Sicherungsleistungen da erbringen, wo sie unumgänglich waren.

Sitzplan unserer Tribüne

Platzbelegung mit Abstand – in unserem Zirkuszelt kein Problem

Zirkusprojekte sind unverzichtbarer Bestandteil des Unterrichtes

Trotz der Einschränkungen im täglichen Miteinander waren sich alle einig: dieses Erlebnis hat allen gefehlt. Soziales Miteinander und die Abenteuer in der Manege sind (auch mit Abstand) unersetzlich und wertvoll für die Entwicklung von Kindern. Für Kinder und Jugendliche sind die zurückliegenden Monate eine lange Zeit. Es ist dabei wie immer: schlimm ist das für jeden, aber meistens ist es für die schlimmer, deren Ausgangssituation schon von vorneherein nicht die Beste ist.

Kinder vermissen Spontanität, miteinander spielen und lachen, sind neugierig, wollen sich erproben… Ihnen nur einen Mund Nase Schutz aufzuziehen, sie hinzusetzen und ihnen ein Tablet mit schnellem Internet vor die Nase zu halten reicht, salopp gesagt, nicht aus. Im Gegenteil, es lässt sie verkümmern. Der Unterricht auf Distanz ist eine Notlösung, vielleicht eine sinnvolle Ergänzung für den Fachunterricht. Das Internet kann aber auf Dauer einen ganzheitlichen Ansatz im Unterricht nicht ersetzen.

Gruppenfoto der kleinen Artisten

Ein Gruppenfoto mit Abstand – auf den ersten Blick fällt es nicht einmal auf

Das Ministerium ist gefordert

In einem neuen Schreiben an das Ministerium regen wir deshalb die Entwicklung eines Rahmenkonzeptes für Zirkusprojekte in Schulen an. Daran können wir uns gerne beteiligen und unsere Erfahrungen und Referenzen mit einbringen. Die Feinabstimmung vor Ort kann dann gemeinsam mit der Schulleitung und gegebenenfalls Gesundheitsbehörden erfolgen. Ein solches Rahmenkonzept ist ein wirkliches Bekenntnis zur Bedeutung unserer Projekte im Rahmen der Schulbildung und entlastet die Schulleitung verdienter Weise von einem Teil der Verantwortung. Wir sind gespannt auf die Antwort.

Was ist Ihre Meinung?

Wir freuen uns über jede Anregung zu diesem Thema in einem persönlichen Gespräch oder per Kommentar am Ende der Seite.

Das Beitragsbild zeigt eine Arbeit des Künstlers Dennis Josef Megg. Dieser war während des Ferienprojektes in Dorsten bei uns zu Gast und beschäftigt sich mit dieser Installation mit den Auswirkungen dieser Zeit der Pandemie auf uns.

 

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