Circus Soluna ist “Rheinland Genial”

Vollbremsung in allen Bereichen

So beschreiben Christine Skrabal und Ralf Pauli vom Amt für Kinder, Jugend und Familie der Städteregion Aachen die Situation in der Kinder- und Jugendarbeit 2020.

“Wie konnte unser Beitrag aussehen, hier wirkungsvoll unterstützend einzugreifen?” fragten sich die beiden angesichts der immer schlechter werdenden Aussichten ab März. Auch der Kindermitmachzirkus in Konzen, eine Institution seit 15 Jahren, drohte Corona im Juni zum Opfer zu fallen.

Vollgas bei der Städteregion Aachen

Um Kindern auch in schwierigen Zeiten Spaß und Abwechslung zu biete, haben wir nicht lange Trübsal geblasen, sondern gemeinsam mit der Städteregion und dem lokalen Internetsender “Eifel3tv” mal eben kurz “Deutschlands 1. digitales Zirkusprojekt” ins Leben gerufen. Die Fragen zu Beginn der Planung waren:

  • welche didaktisch-methodischen Bestandteile eines Zirkusprojektes mit Circus Soluna lassen sich ins Internet übertragen?
  • welche Möglichkeiten bietet das Netz, die diese Arbeit sogar bereichern?
  • gibt es Möglichkeiten, Requisiten (auch in einem Lockdown) aus dem Alltag zu nutzen?
  • wie sehen die technischen Lösungen aus?

Was macht ein Zirkusprojekt aus?

Normalerweise haben unsere Projekte immer die folgenden Bestandteile:

1.) Kennenlernen und Ausprobieren

wir stellen das Programm mit einer kleinen Vorstellung vor. Dann haben die Kinder die Möglichkeit, alle Workshops auszuprobieren. Wir treffen uns anschließend wieder und legen mit den Kindern fest, wer, welche Kunst trainiert. Das ist uns wichtig, denn nur, was ein Kind auch ausprobiert hat, kann es richtig einschätzen.

2.) Trainingsphase

wir beginnen jeden Tag mit einer gemeinsamen Einstimmung, dann geht es in die Workshops. Zum Abschluss treffen wir uns alle wieder und zeigen uns bei Manegenkostproben, was wir gelernt haben.

3.) Auftritt

nach einer Generalprobe zeigen wir geladenen Gästen unser Programm. Eine vergnügliche Zeit voller Spannung und Überraschung wartet auf das Publikum. Manege frei!

Ein Projekt zeichnet sich dadurch aus, dass es zeitlich begrenzt ist und einer Dramaturgie folgt. Jedes Erlebnis in dieser Zeit ist ein Puzzleteil, dass sich entlang eins roten Fadens zu einem großen Ganzen, der Abschlussvorstellung, zusammensetzt.

Ab ins Netz – Circus Soluna WIRtuell

Nach eingehender Diskussion der Bedingungen der DSGVo, der technischen Möglichkeiten, und eventueller Unwägbarkeiten haben wir uns entschieden 40 Kindern des “Mitmachzirkus” die Teilname zu ermöglichen. Im Folgenden skizziere ich zum besseren Verständnis grob den Ablauf:

Zunächst wurden alle Teilnehmer per Post angeschrieben und bekamen einem Link zu einem Trailer zum Start des Projektes auf Youtube. Beworben wurde damit das Ganze zusätzlich bei Eifel3tv mit einem Kurztrailer zum Projekt.

Dort erschien ebenfalls zu Beginn des 14-tägigen Projektes unsere, vorab in der Zirkusfabrik Kulturarena produzierte, Zirkusshow. In dieser Begrüßungsshow wurden den Kindern die 8 Workshops vorgestellt. Ein Ausprobieren war leider nicht möglich, deshalb lagen zusätzlich Bilder und eine Beschreibung der einzelnen Workshops bei. In einem Rückbrief konnten sie sich dann drei dieser Workshops wünschen. Einer dieser Wünsche ging in Erfüllung. Diesem Schreiben lag auch ein Formular mit Rückumschlag für die Eltern bei, dass diese über die Einzelheiten des Vorhabens informierte und um schriftliches Einverständnis nach DSVGo bat.

Start per e-mail

Die zurückgesandten Unterlagen wurden im Büro des Amtes für Kinder, Jugend und Familie ausgewertet. Im Anschluss erhielten die Kinder per mail ein Begrüßungsschreiben ihrer Gruppe. Darin war eine technischen Anleitung und eine Liste verschiedener Dingen, die sie sich vor Beginn des Projektes besorgen sollten enthalten. (z.B. Material zum Basteln von Flowersticks, Zaubertricks oder Poi..) Die Mail enthielt ebenfalls einen link auf unsere Homepage. Dort fanden die Kinder einen “Stundenplan”. In Form eines Kalenders gab es hier täglich aktuell Informationen zum zeitlichen Ablauf des Projektes, sowie links zu den Tutorials, Zoomräumen und Manegenkostproben.

und dann, Manege frei!

Ein typischer “Trainingstag” bestand für die Kinder dann aus folgenden Programmpunkten:

1.) Tutorial – am Morgen jedes Trainingstages “erschien” für jede Zirkuskunst ein Tutorial auf einem privaten Kanal bei Youtube. 64 Tutorials hat des Team von Circus Soluna vorher zusammen mit Boris Huschka von “schaumal!” dafür produziert.

2.) Training – am Nachmittag gab es für jeden Workshop einen eigenen Zoom-Raum, in dem man sich mit seinem Trainer und den anderen Kindern zum gemeinsamen Training und Basteln getroffen hat. Diese Präsenzzeit übernahmen die Helfer aus dem Zirkusprojekt in Konzen. Katrin und Bella haben diese Zoomkonferenzen dann nacheinander “besucht” – fast wie im normalen Training auch. Zum Austausch bei technischen Schwierigkeiten oder zwischendurch wurde zusätzlich WhatsApp, Telefon und e-mail genutzt.

3.) Manegenkostproben – bis zum Abend jeden Tages konnte jeder Teilnehmer (Handy)videos per e.mail einschicken aus denen wir eine kleine Präsentation zusammenschnitten, die allen Teilnehmern dann am nächsten Tag in einem Clip präsentiert wurde.

eine Überraschung – die Trainershow

Während der Zeit, die wir gemeinsam miteinander verbracht haben und per Ankündigung im Kalender wurden die Kinder darauf aufmerksam gemacht, dass eine Überraschung für sie vorbereitet wird. Im Konzener Projekt ist es nämlich seit vielen Jahren Tradition, dass das Trainerteam während des Projektes eine besondere Vorstellung für die Teilnehmer vorbereitet. Das wollten wir uns auch in diesem Jahr, trotz Corona, nicht nehmen lassen. Und so “erschien”, am Abend vor den Dreharbeiten zur Vorstellung der Kinder die allseits beliebte “Trainershow Konzen 2020”.

die Vorstellung

Zur Vorstellung haben wir in einer Lagerhalle, die “eifel3tv” uns zur Verfügung gestellt hat, die Zirkusmanege mit Licht, Ton, Vorhang und Requisiten aufgebaut. Über zwei Tage kamen die einzelnen Zirkusgruppen nach einem festen Zeitplan dorthin. Auf Abstand und unter Beachtung der Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen hatte jede Gruppe zwei Stunden lang die Gelegenheit eine Generalprobe zu absolvieren. Anschließend wurde der Beitrag von Boris und “schaumal!” gefilmt.

Der Zusammenschnitt der Vorstellung “erschien” zum Abschluss des Projektes, Sonntags um 16.00 Uhr zuerst bei “eifel3tv”. Alle Kinder erhielten zusätzlich eine DVD auf der außerdem “best of Manegenkostproben”, outtakes und die Trainershow des Konzener Teams enthalten war.

lebendiger Austausch

Nicht nur in einem Lockdown ist das Miteinander für jede Lernsituation am allerwichtigsten. Deshalb war es entscheidend, dem lebendigen Austausch in unserem Projekt einen zentralen Raum zu geben.

“Die erfolgreichste Unterweisung (findet) dann statt, wenn Lehrer und Schüler (…) eine Erfahrung gemeinsam machen.” (Bruno Bettelheim, Fischer Wissenschaft, 1984, S97)

Technische Ausstattung und schnelles Internet ist dafür keine allein seelig machende Voraussetzung und ein etwas schlechteres Netz und nicht das aktuellste Tablett kein Hindernis. Das ist ein wichtiges Fazit aus unserem Projekt. Obwohl die Eifel streckenweise nicht mit dem besten Netz ausgestattet ist und manche Kinder nur ein Handy zur Verfügung hatten, wurde daraus nie ein entscheidendes Handicap.

Technik ist nur das Werkzeug

Das notwendige technische Know How hat sich das Trainerteam interkollegial erschlossen. Hanka hatte da z.B. bezüglich Zoom einen Vorsprung aus der Uni und dieses Wissen bereitwillig mit allen anderen geteilt. Familien und Kinder, die Schwierigkeiten beim Einstieg hatten, wurden per WhatsApp und Telefonsupport betreut, bis die Hürde gemeistert war.

Auch dafür war es gut, dass das Projekt über einen längeren Zeitraum als normalerweise anzulegen.

Inhalt zählt

Letztendlich zählt der Inhalt. Das tägliche “erscheinen” von Tutorials und Manegenkostproben hat einen Spannungsbogen aufgebaut. Gleichzeitig gaben wir damit eine Richtung vor – das Projekt entwickelte sich und alle fühlte sich als Teil davon. Das gibt Orientierung, denn im Internet sind normalerweise alle Informationen gleichzeitig zu finden. Manch einen überfordert es individuell zu sortieren, was davon jetzt gerade wichtig ist.

Die Live-Trainingseinheiten ermöglichten es, auf individuelle Bedürfnisse der Kinder einzugehen und gleichzeitig das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Dies erwies sich als wertvolle Ergänzung zu den Tutorials. 5 Kinder, 2 Trainer und ein Coach im Zoom Raum waren dabei sehr gut zu handeln. Die Technik trat schnell in den Hintergrund und machte dem Spaß am gemeinsamen Tun Platz.

Die eingesandten Videos entwickelten sich zu einem wichtigen Rückkanal sowohl für das Team als auch für die Kinder untereinander. Sie regten dazu an, sich Inszenierungen für die gelernten Tricks auszudenken und mit den lokalen Gegebenheiten zu experimentieren. Da sich die Gruppen untereinander sonst bis zum fertigen Video der Vorstellung nie sahen, waren die Manegenkostproben eine tolle Möglichkeit an den Fortschritten der anderen Teams teil zu haben.

WIRtuell – eine Anregung für digitalen Unterricht in Ihrer Schule?

Wir meinen, ja! und das sah die Jury des “Innovationspreises “Rheinland genial” des Vereins “Metropolregion Rheinland” genau so:

“Als Preisträger tragen Sie zum Gesamtbild der Region als innovativer und sozialer Standort bei. Sie sind ein Vorbild für andere, auch in schwierigen Zeiten etwas zu versuchen und Ihre Ideen zu verwirklichen.”

Wir würden uns sehr freuen, wenn wir Ihnen mit WIRtuell eine Anregung geben könnten, mit uns gemeinsam weitere Projekte zum Beispiel an ihrer Schule zu starten. Wir freuen uns auf Ihre Meinung dazu, schreiben Sie uns. Bilder und Videos gibt es hier: