Circus Soluna zu Gast in Welver

Ein Zirkusprojekt während des November lockdowns?

Das klingt unglaublich, aber Circus Soluna wäre nicht der beste Projektzirkus der Welt, wenn uns das nicht gelänge. Es ist also wahr. Wir gastieren 8 Wochen an der Bernhard Honkamp Schule in Welver. Genauer gesagt im Offenen Ganztag. Der „Evangelische Verbund Nord Kita und OGS Soest Arnsberg“ macht es möglich. Mit der Unterstützung des „Ministeriums für Schule und Bildung des Landes NRW“ erleben 75 Kinder jeden Tag spannende Herausforderungen und wachsen über sich hinaus.

Dringend notwendiges Angebot

Bereits in den ersten Stunden macht sich bemerkbar, wie wichtig ein solches Angebot für Kinder ist. Die Zeit der Pandemie hat Kinder verändert. Was sich bereits in unseren Ferienprojekten abzeichnete zeigt sich auch hier wie unter einer Lupe. Maske, Abstand und die nur schwer zu greifende Bedrohung verstärken Schwierigkeiten, von denen viele sich im sozialen Miteinander normalerweise abmildern oder sogar in Luft auflösen.

Die Konzentrationsphase der Kinder ist kurz, der Hunger nach Aufmerksamkeit umso größer. Ein enormer Bewegungsdrang ist deutlich spürbar. Wir stellen fest, das Teamgeist ein kostbares Gut ist, dass der permanenten Pflege bedarf. Teilen und Zuhören fällt vielen Kindern schwer. Die Frustrationstoleranz ist gering. Soziales Lernen kann so anstrengend sein wie Rechnen und Schreiben zu lernen. Erstklässler schlafen in ruhigeren Trainingsphasen deshalb auch schon mal ein. Kein Wunder, gerade diese Kinder sind aus der durch den ersten Lockdown geschlossenen Kita nahtlos ins neue Schuljahr gewechselt – eine völlig neue Welt für sie!

Bedürfnisse der Kinder im Blick

„Spielen und Rennen geht immer!“ meint Lisa aus unserem Zirkusteam. Sie und Mirco reagieren mit einem flexiblen Konzept auf die Bedürfnisse der Kinder. 40 Minuten konzentriertes Training wechseln sie mit Phasen zum gemeinsamen Spiel- und Toben ab.

Im Kontakt mit Kindern und Erziehern entwickeln sie Rituale und Regeln, die den Kindern in dem ungewöhnlichen Zirkusprojekt Orientierung bieten.

Einander zuhören, keine „buh“ Rufe, sich abwechseln… Es ist nicht so, dass Kinder in einem Zirkusprojekt zum ersten Mal von diesen Spielregeln hören – sie haben aber in den letzten Monaten wenig Gelegenheit gehabt, sich darin zu üben und soziales Verhalten miteinander auszuhandeln. Das trifft besonders, aber nicht nur, die Kinder, die damit auch schon in einem „normalen“ Schulbetrieb Schwierigkeiten hätten. Kinder brauchen Zirkusprojekte!

Warten ist gar nicht so schwer – Falk kann das

Bewährtes Hygiene- und Infektionsschutzkonzept

Bezugsgruppen, Masken, Handdesinfektion, Abstand… kennen wir, kein Problem. Die AHA-Regeln sind für Kinder mittlerweile alltäglich und lassen sich auch im Zirkusprojekt wie beiläufig umsetzen. Das Team von Circus Soluna ist fest im Projekt und arbeitet mit drei definierten Bezugsgruppen, die sich die fünf Trainingstage die Woche teilen. Eine Gruppe besteht nur aus den Erstklässlern, die zweite aus Schülern der Klassen 2 und 3, die dritte aus denen der Klassen 3 und 4. Die drei Trainer tragen FFP2 Masken, die Kinder in ihrer Bezugsgruppe keine. Bei Ansprachen aus der Manege heraus an die darum herum sitzenden Kinder, mit ausreichendem Abstand, ist es allerdings manchmal notwendig, dies kurz abzusetzen. Es zeigt sich, dass es Situationen gibt, in denen Kinder das Gesicht „lesen“ können müssen, um Worte richtig einschätzen zu können.

„Seilspringen? Das kriege ich niemals hin!“

In den ersten Tagen hören wir viele derartige Befürchtungen. Auch die Erzieher sind eher skeptisch, wie wir später heraushören. Aber Kinder wären keine Kinder, wenn sich das Problem nicht schnell in Luft auflösen würde. Manche Kinder trainieren auch in der trainingsfreien Spielzeit weiter und so ist es nicht verwunderlich, dass es ziemlich schnell mit dem Seilspringen klappt. Besonders schnell geht das natürlich, wenn Mitschüler mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Auch Neele tut sich erst schwer mit dem Trapez. Augenscheinlich ist sie fasziniert, andererseits aber einfach auch ein wenig schwerer als die Kinder, die sich mit Leichtigkeit emporschwingen. Trotzdem will sie es schaffen. In der Gruppe geht das nicht. Zu peinlich erscheint ihr jeder Fehlversuch. Lisa trainiert mit ihr alleine in der Pause, geht individuell auf sie ein, motiviert und zeigt Kniffe, mit denen die Übung gelingt. Seit diesem Tag ist Neele ein Trapezkind wie jedes andere und sehr stolz.

Jacky auf dem RolaBola

Ausprobieren ist wichtig

Weil das Team in Welver viel mehr Zeit als in einem „normalen“ Zirkusprojekt hat, konnten die Kinder sich über einen längeren Zeitraum in den verschiedenen Künsten ausprobieren. Mirco hat berichtet, dass sich dadurch viel mehr Kinder getraut hätten, sich mit dem RolaBola zu beschäftigen. Nun ist dieser Workshop als einziger in allen drei Gruppen vertreten und Ahmet steht wie viele andere bereits sicher auf der vierten Etage. Er steigt dabei übrigens konzentriert aber sichtlich locker bereits durch einen HulaHoop Reifen!

Begeisterte Erzieher

Heike war in der ersten Woche beim Start im Zirkusprojekt dabei und stößt jetzt wieder zum Team. Sie staunt sichtlich, was in den ersten Wochen bereits für Fortschritte zu sehen sind. „Wie viele Kinder sich mittlerweile trauen, über Ihre Grenzen zu gehen!“ Sie meint, besonders die eher ruhigeren Kinder profitierten davon, auch was zu können und im Mittelpunkt zu stehen. „Das macht sich auch drüben in der OGS bemerkbar.“ Das motiviert auch das Team der OGS und so sieht man den einen oder anderen regelmäßig mit Feuereifer mit üben.

Das Zirkusprojekt – ein Volltreffer

Susanne Klose Rudnik, die Geschäftsführerin des Evangelischen Verbundes als Träger der Einrichtung und Stefanie Weiss die Leiterin der OGS sind sich sicher, das Projekt hat sich schon jetzt gelohnt! Trotz der Einschränkungen und mit einem verantwortungsvollen Konzept wird hier für Kinder ein besonderes Erlebnis möglich. Sie gewinnen ein Stück normale Kindheit zurück. Der Soester Anzeiger will „auch gerne mal über etwas Positives berichten“ und macht das hier.

Wird es Vorstellungen geben?

Im Moment ist ein Abschluss des Zirkusprojekte mit einer Aufführung in einem richtigen Zirkuszelt geplant. Ob und wie diese stattfinden kann, ist noch nicht abzuschätzen. Macht aber nichts, denn „Circus Soluna“ hat natürlich flexibel verschiedene Lösungen zur Hand. Von der Vorstellung auf Abstand, mit Maske – bis zur DVD und Livestream ist bei uns alles möglich! Also: Manege frei!